Jens Wyrwa beim Sicherheitstraining und Notfallmanagement unter Kaltwasserbedingungen

Sicherheitstraining und Notfallmanagement unter Kaltwasserbedingungen

Am 12. und 13 November 2016 wurde von Christoph Sowa (im nachstehenden Bild rechts) und Ulrich Böttcher (im nachstehenden Bild links) über die Salzwasserunion organisiert ein Workshop und Training zu Rettungs- und Sicherheitsfragen und zum Notfallmanagement für Seekajakfahrer mit speziellem Hinblick auf Situationen in kaltem Wasser in Frankfurt auf dem Main veranstaltet.

Da ich plane, mir mit meinem Sit-on-Top auch Küstengewässer zu erschließen, und vorhabe, nicht nur bei warmem Wasser zu agieren, fragte ich nach, ob ich als "Sonderfall" teilnehmen kann. Mein Sit-on-Top ist durchaus interessant für die Referenten, meine Idee, im Neoprenanzug teilzunehmen, wird aber sofort verworfen und Ulrich leiht mir einen Trockenanzug aus. Wie ich im folgenden noch näher beschreiben werde, war das echt wichtig.

ulrich christoph


Der erste Tag

beginnt mit praktischen Übungen auf dem Wasser. Es kommt an diesem Samstag zwar hin und wieder die Sonne heraus, aber das Wasser hat nur noch 8 Grad und auch die Luft ist der Jahreszeit entsprechend kalt.

Wir paddeln vom Rudererdorf den Main abwärts bis zum Postsportverein in Niederrad. Dabei absolvieren wir verschiedene Übungen, die zum Sicherheitstraining (Retten-Schleppen-Bergen) der Salzwasserunion gehören. Hier geht es viel um den Wiedereinstieg ins Kajak aus dem Wasser heraus. Aber auch das Schleppen und Bergen eines hilflosen Mitpaddlers wird geübt. Dazu sind wir viel im kalten Wasser. Ich mit meinem Sit-on-Top habe es beim Wiedereinstieg natürlich extra einfach.

Nicht ganz so einfach habe ich es dabei, auf meinem breiten 2-Sitzer Sit-on-Top mit den schnittigen Seekajaks der anderen Teilnehmer vom Tempo her mitzuhalten. Körperlich verausgabe ich mich beim Paddeln gerne und habe damit auch Erfahrung; womit ich weniger Erfahrung habe, ist die Kälte. Ich paddele kräftig und ziemlich bald habe ich die Kleidung in meinem Trockenanzug durchgeschwitzt, so dass mich nur noch wenig gegen das kalte Wasser isoliert, in das ich häufig hineinsteige. Mir ist zwar warm (ausser an den Füssen), aber dafür, wieviel Energie die Kälte dem Körper zusätzlich abverlangt, fehlte mir bisher das Gefühl.

Zur Mittagspause legen wir beim Postsportverein an. Es werden Würstchen warm gemacht und heißer Holundersaft ausgeschenkt. Christoph Sowa fällt auf, dass ich anfange, stark zu frieren und insgesamt recht matt wirke. Ich bekomme einen Schokoriegel verabreicht und Christoph geht mit mir eine Runde laufen. Der heiße süße Saft und der freundliche Zuspruch tun mir zusätzlich gut, so dass ich bis zum Antritt der Rückfahrt wieder soweit regeneriert bin, um weiter mitfahren zu können.

pauseTag1

Wie das obige Bild zeigt, werden auch in der Pause verschiedene Notfallsituationen und Rettungsmöglichkeiten erörtert.

Zurück zum Rudererdorf geht es dann ohne weitere Unterbrechungen. Dort angekommen sind meine Füße trotz zwei paar Socken, Trockenanzug und Neoprenstiefeln inzwischen so kalt und gefühllos, dass ich vorsichthalber auf den Knien aus dem Boot krabbele und die anschließende warme Dusche im Boothaus vom Sachsenhausener Ruder- und Kanuverein als echten Segen erlebe.

endeTag1


Am zweiten Tag

geht es um Notfallmanagement. Im Bootshaus werden von Christoph Sowa Kenntnisse zum Verhalten in Notsituationen vermittelt. Dazu gehören auch die klassischen Fertigkeiten aus dem erste Hilfe Kurs. Darüber hinaus werden zweckmäßige Ausrüstung und geeignete Kommunikationsmittel erörtert. Und auch Handlungsoptionen sind andere beim Küstenpaddeln, wenn kein Krankenwagen 15 Minuten nach der Alarmierung vor Ort ist. Die fachlichen Erkenntnisse können zwar auch in Christophs Veröffentlichung nachgelesen werden, ein Workshop bietet aber den Vorteil auch nachfragen und eigene Erfahrungen diskutieren zu können.

Am Nachmittag geht es dann noch einmal aufs Wasser. (Ich habe jetzt ein drittes Paar Wollsocken untem Trockenanzug an den Füßen und weiß jetzt auch, warum ich im Neoprenanzug bei diesen Temperaturen rasch selbst zum Notfall geworden wäre.) Das Besprochene soll in die Praxis umgesetzt werden. Es steht das Retten einer regungslos im Wasser treibenden Person auf dem Programm. Christoph Sowa gibt diese Person selber und wir sollen üben.

Da uns die Notlage nicht wirklich unvorbereitet trifft, haben wir die leblose Person schnell entdeckt. Die Möglichkeit eine leblose Person quer über ein Päckchen von drei Seekajaks zu ziehen, war zwar schon ausprobiert worden, in der konkreten Situation ist es aber einfacher, die Person längs auf mein Sit-on-Top zu ziehen, mit dem sie sich dann auch schneller an Land bringen läßt, als mit dem Kajakpäckchen.

An Land stehen wir nun vor der Aufgabe, eine ohnmächtige, nasse und von Auskühlung bedrohte Person zu lagern. Das ist schwieriger als gedacht ...

Bei der Nachbesprechung (im obigen Bild zu sehen) erkennen wir dann, dass sich eine durchnäßte Person nur warm lagern läßt, wenn die nasse Kleidung entfernt wird. Das geht nur dann ausreichend zügig und ohne die vielleicht schon unterkühlte Person unnötig zu bewegen, indem die Paddelkleidung aufgeschnitten wird. Mit einem Messer ist die Gefahr zu groß, die Person zu verletzen. Bei heutiger Funktionsbekleidung sind Pflanzenscheren aus dem Gartenbedarf das Mittel der Wahl, um z.B. auch Reißverschlüsse und Seile durchtrennen zu können.


Fazit:

Für mich war dieser Workshop eine ganz wichtige Erfahrung und ich freue mich, dass ich dabei von zwei so kompetenten Referenten so viel Nützliches vermittelt bekommen habe.

Ich finde es wichtig, mir als Paddler Handlungsoptionen erarbeitet zu haben, wie ich einem in Not geratenen Mittpaddler auch im kalten Wasser zielgerichtet helfen kann.

Ohne diesen Workshop wäre es mir nicht so einfach und gefahrlos möglich gesesen, zu erfahren, dass ich bei richtiger Bekleidung durchaus Möglichkeiten habe, im kalten Wasser zu agieren. Ohne die praktischen Übungen wären mir aber nicht so nachhaltig klar geworden, welche Grenzen das in dem potentiell gefährlichen Element auch hat.